Marcel Kandziora: Über ein ausgeklügeltes System in die Playoffs

Marcel Kandziora für North Carolina am Ball im Spiel gegen Miami (Foto: Kandziora)

Marcel Kandziora für North Carolina am Ball im Spiel gegen Miami (Foto: Kandziora)

Marcel Kandziora hat in Fußball-Deutschland schon einiges erlebt. Im Alter von 15 Jahren wechselte der gebürtige Münsteraner in den Nachwuchs von Borussia Dortmund, 2009 wurde er an der Seite von Mario Götze U19-Vizemeister, später spielte er in der zweiten Mannschaft, ehe er für den SV Sandhausen, den FSV Frankfurt und den VfL Osnabrück 100 Spiele in der 3. Liga und 31 Partien in der 2. Bundesliga machte. Im Sommer 2016 lief Kandzioras Vertrag in Osnabrück aus. Der variabel einsetzbare Mittelfeldspieler machte erstmal einen ausgedehnten Urlaub in den USA – inklusive Probetraining bei den North Carolina RailHawks. Kandziora wusste zu überzeugen und unterschrieb einen Vertrag ab dem 1. Januar 2017. Doch bis zum Start der Saisonvorbereitung, der Pre-Season, wusste er nicht, ob der Kontrakt auch Rechtsgültigkeit besitzen würde, denn der Fußball in den USA ist komplett anders organisiert: North Carolina, die zum Jahreswechsel den Beinamen RailHawks gegen FC tauschten, spielt in der NASL, einer von zwei Liga-Franchises, die als zweitklassig gelten. Doch lange war nicht klar, ob dieses Franchise überhaupt an den Start gehen würde. Nachdem im Jahr 2016 zwölf Teams in der Liga spielten, wurde in diesem Jahr der Spielbetrieb mit acht Teams aufgenommen. Darunter auch Kandzioras North Carolina FC.

Marcel KandzioraEs ist ein Spielbetrieb mit seinen kontinentalen Eigenheiten. Auf- und Abstieg gibt es nicht, da die Ligen unterschiedlichen Besitzern gehören. Dafür gibt ein ausgeklügeltes Meisterschafts-System. Es werden im Jahr zwei Saisons gespielt. Eine im Frühjahr, eine im Herbst. Die Meister beider Wettbewerbe qualifizieren sich direkt für die Playoffs, die anderen beiden Playoff-Teilnehmer über die Gesamtzahl der Punkte aus beiden Saisonteilen, bei Punktgleichheit zählt der direkte Vergleich aus den vier Duellen. „Man muss studiert haben, um das alles zu verstehen“, sagt Kandziora und lacht. Während das Liga-System nur etwas für Profis ist, ist der Fußball auf dem Platz noch deutlich einfacher gestrickt. Kandziora erinnert die Spielweise an das „Kick and Rush“ früherer Tage in England. „Hier wird viel mit langen Bällen gespielt, es geht viel hin und her“, beschreibt er. Gerade für ihn als zentraler Mittelfeldspieler, der versucht das Spiel zu ordnen, sei das sehr laufaufwändig – und eine große Umstellung. Aber auch eine Aufgabe, die er gerne annimmt. Anders als seine Teamkollegen hat Kandziora ein europäisches Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen. Das macht sich auf dem Platz schon bemerkbar. Erwartungen geschürt hat das aber nicht. „Hier hat sich niemand damit beschäftigt, dass ich 2. und 3. Liga gespielt habe“, sagt der ehemalige Juniorennationalspieler. „Die Expertise begrenzt sich eher auf Europas Topligen und die MLS, daher war das Probetraining ausschlaggebend, nicht, was ich vorher gemacht habe.“

Was die öffentliche Wahrnehmung des Fußballs angeht, kommt er selbstverständlich noch immer nicht an Basketball, American Football, Baseball und Eishockey vorbei, doch die Aufmerksamkeit ist auch für die NASL größer als erwartet. Die Spiele werden im Fernsehen oder auf Youtube übertragen. Die Presse berichtet über die Spiele und Mannschaften – und es ist natürlich wie auch die anderen Sportarten in den USA ein großes Geschäft. „Neulich habe ich irgendwie gehört, dass unser Owner sich für die Playoffs das Heimrecht kaufen will“, sagt Kandziora. Business eben.

Für die US-Fans ist Fußball ein Event

Die Organisation innerhalb des Vereins ist indes sehr professionell. „Die Bedingungen sind so, wie man es aus Europa auch kennt“, sagt Kandziora. Das gilt auch für das gesamte Leben. Auch, wenn es in den USA gerade „spezielle Zeiten“ sind, wie er mit Blick auf die politische Situation sagt. Er selbst lebt mit seiner gesamten Mannschaft in einem großen Appartment-Komplex, jeweils zwei Mitspieler teilen sich eine Wohnung. Es gefällt ihm. Und doch war der Start schwierig, denn Kandziora war beinahe die komplette Spring-Season verletzt.

Zwei Muskelfaserrisse, einer in der Wade, einer in der Achillessehne stoppten ihn immer wieder. In der Fall-Season läuft es besser. Der Münsteraner ist verletzungsfrei, spielt gut auf. Die Mannschaft hat gute Chancen, sich für die Playoffs zu qualifizieren. Das sehen auch die Fans gerne. Rund 5000 Zuschauer kommen pro Partie in den WakeMed Soccer Park. „Das ist aber vom Wetter abhängig“, sagt Kandziora. „Die Fans kommen, weil es ein Event ist, nicht wie in Deutschland wegen Fankultur oder Liebe zum Verein. Aber dadurch ist die Stimmung auch wirklich gut. Die Zuschauer kommen eben zum Spaß haben.“

Der Spaß ist zurück

Und auch Kandziora hat ebenfalls Spaß. Der Wechsel in die Vereinigten Staaten hat ihm mental sichtlich gut getan. Über die Jahre hatte Kandziora, der neben der Karriere BWL studiert, ein bisschen den Freude am Fußball verloren. Dann kam der Wechsel auf die andere Seite des Atlantik. „Ich kam mal raus aus dieser Fußballer-Blase“, sagt er. Aus der Blase, wo sich vieles um Statussymbole dreht. „Ich konnte hier neu anfangen und einfach nur Fußball spielen. Keiner hat sich dafür interessiert, wo ich mal gespielt hab. Ich konnte ganz befreit spielen. Das gibt mir unglaublich viel und macht richtig Spaß.“ Das unbeschwerte, das ist auch etwas, was den US-Fußball ausmacht. Natürlich sei es ein Wettbewerb, natürlich gehe es auch jenseits der europäischen Grenzen darum, in jedem Spiel sein Bestes zu geben und zu gewinnen. Doch die Einstellung sei schon eine andere, sagt Kandziora: „Ich habe gelernt, nicht alles so verbissen zu sehen.“ Und auch sein Englisch hat sich verbessert.

Wenn die Saison im November vorbei ist, endet Kandzioras Vertrag. Er hat zwar eine Option auf ein weiteres Jahr, doch ob die gezogen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Erstmal muss die NASL überhaupt wieder zustande kommen, das steht in den Sternen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist das Studium des 27-Jährigen. „Wenn es mit der Liga weitergeht und ich bleibe, würde ich gerne hier ein Auslandssemester machen, damit ich sowohl die fußballerische als auch die akademische Karriere vorantreiben kann.“ Sollte das nicht klappen würde er nach dem befreienden Jahr in den USA gerne zurück nach Deutschland kommen. Nicht nur für das Studium, auch für den Sport, denn Kandziora hat wieder richtig Lust auf Fußball. Sollte es für den Titel in den Playoffs nicht reichen, so hat sich das Auslandsjahr in North Carolina auf jeden Fall in dieser Hinsicht gelohnt.