Maximilian Watzka: Über Luxemburg in den Ibrox Park

Eine Auslandserfahrung hatte Maximilian Watzka schon immer gereizt. Als sich in der Saison 2016/17 herauskristallisierte, dass der damalige Coach von Regionalligist Viktoria Berlin, Ersan Parlatan, nicht mehr mit ihm plante, ergriff der Mittelfeldspieler im Januar die Gelegenheit beim Schopf. Mit mittlerweile 30 Jahren wagte er den Schritt nach Luxemburg und schloss sich Progrès Niederkorn an. „Eigentlich“, sagt er „habe ich mir unter Ausland was anderes vorgestellt. Was exotischeres wie Malta oder Zypern, wo es auch warm ist.“

Doch mit Luxemburg scheint es der ehemalige Zweitliga-Profi gut getroffen zu haben. Nur ein halbes Jahr nach seinem Wechsel lief er mit dem 1919 gegründeten Traditionsverein in der Europa-League-Qualifikation im Ibrox Park gegen die Glasgow Rangers auf und setzte sich nach knapper Niederlage im Auswärtsspiel mit einem 2:0 in Luxemburg durch. „Die Möglichkeit, europäisch zu spielen, war ein wichtiger Punkt für die Entscheidung“, sagt Watzka. „Ich glaube nicht, dass ich in vielen anderen Ländern realistisch die Möglichkeit gehabt hätte, vor 49.000 Zuschauern in Schottland zu spielen.“

Was für ein Moment: Maximilian Watzka läuft mit Progres Niederkorn gegen die Glasgow Rangers im Ibrox Park auf

Was für ein Moment: Maximilian Watzka läuft mit Progrès Niederkorn gegen die Glasgow Rangers im Ibrox Park auf

Überhaupt erfreut sich Luxemburg bei deutschen Fußballern größter Beliebtheit. 70 Profis sind im kleinen Nachbarstaat unterwegs. Nur in Österreich, der Schweiz und den USA sind es mehr. Neben der Möglichkeit europäisch zu spielen, sei sicherlich auch für einige, die aus dem Westen der Republik kommen, die Nähe zur Heimat ein Grund, mutmaßt Watzka – außerdem die ordentliche Bezahlung. „Die Vereine trainieren hier wie deutsche Oberligisten: viermal die Woche am Abend“, sagt Watzka. „Aber bezahlt wird man hier wie in der Regionalliga, manche sogar wie bei Drittligisten.“ Für andere mag auch die Sprache, fast alle Luxemburger verstehen Deutsch, ein Grund gewesen sein, sagt der 31-Jährige.

Maximilian WatzkaAuch bei Watzka spielte die Sprache eine Rolle, doch auf eine andere Weise: „Ich wollte neben Englisch nochmal eine andere Sprache lernen, jetzt wird es Französisch.“ Denn das ist die Umgangssprache. Das gilt besonders in Niederkorn in der Region Differdingen, im Dreiländereck mit Belgien und Frankreich. Ohne Vorkenntnisse ging Watzka diesen Schritt. In der Schule hatte der gebürtige Leipziger noch Russisch als zweite Fremdsprache gelernt. Seit seinem Wechsel nach Luxemburg trainiert er neben dem Sport auf dem Handy mit einer App. „Inzwischen verstehe ich den Trainer, kann problemlos einkaufen und bestellen“, sagt er. „Es ist aber noch ganz schön gebrochen.“

Auch in der Lebensweise bemerkt Watzka, der lange in Berlin gelebt hat, trotz der geografischen Nähe große Unterschiede zu Deutschland. Lässt man die Hauptstadt (110.000 Einwohner) einmal raus, ist Luxemburg relativ ländlich. Niederkorn hat 5000 Einwohner, die nächsten größeren Orte Differdingen 25.000 und Esch 34.000. Viele Menschen leben hier lieber außerhalb und hätten dadurch auch eine andere Einstellung zum Leben. „Vielen ist hier wichtig, ein Haus zu haben und einfach das Leben zu leben“, sagt Watzka. In eine andere Stadt zu ziehen, stehe für viele gar nicht zur Debatte. In Deutschland sei das anders. „Wenn du in Berlin bist, dauert es lange, bis man mal einen echten Berliner findet“, sagt er und lacht. Durch diese Verbundenheit mit dem Heimatort sei es auch schwierig, in eine eingeschworene Gemeinschaft, in der sich die Menschen seit Jahren kennen, hineinzukommen. „Es braucht Zeit, bis sich die Leute öffnen“, berichtet Watzka. „Wenn es aber so weit ist, dann sind sie sehr Hilfsbereit.“ Es herrsche ein sehr familiäres Klima, auch im Verein. Auch das kannte er aus seiner Zeit in Berlin nicht unbedingt, wo Hilfsbereitschaft oft an den Grenzen des Freundeskreises endet.

Maximilian Watzka (Mitte) im Europa-League-Qualifikationsspiel gegen AEL Limassol

Maximilian Watzka (Mitte) im Europa-League-Qualifikationsspiel gegen AEL Limassol

Sportlich ist Luxemburg nach wie vor ein Entwicklungsland, aber es werde viel angestoßen, sagt Watzka. „Auch wenn das schwierig sei, weil viele Spieler nebenbei noch arbeiten.“ Und doch passiert etwas, was sich auch mit Ergebnissen belegen lässt. Progrès schaltete in diesem Sommer die Glasgow Rangers aus, Dauermeister Düdelingen besiegte vor einigen Jahren Roger Schmidts Red Bull Salzburg in der Champions-League-Qualifikation und zuletzt rang Luxemburgs Nationalmannschaft Frankreich in der WM-Qualifikation ein 0:0 ab. „Luxemburg wurde lange belächelt, aber durch die Achtungserfolge der letzten Zeit, denke ich, dass inzwischen auch mehr Leute anders hierher schauen.“ Das führe auch dazu, dass sich die jungen Spieler in der Liga vielleicht noch etwas mehr reinhängen, weil sie durch die höhere Aufmerksamkeit die Chance sehen, entdeckt zu werden. Diese Zusatzmotivation steigert in der Folge das Niveau. „Außerdem haben es nun mit Jeff Saibene und Jeff Strasser auch zwei Trainer in den deutschen Fußball geschafft“, sagt Watzka mit Blick auf die Zweitligisten Bielefeld und Kaiserslautern. Das zeige auch, dass es in Luxemburg viel Fußballsachverstand gibt.

Bevor Watzka nach Luxemburg wechselte, spielte er bei drei Klubs in Leipzig, Viktoria Berlin, Kickers Offenbach und Eintracht Trier.

Bevor Watzka nach Luxemburg wechselte, spielte er bei drei Klubs in Leipzig, Viktoria Berlin, Kickers Offenbach und Eintracht Trier.

Bei Watzkas Verein Niederkorn ist ebenfalls einiges im Gange. Der dreimalige Meister und viermalige Pokalsieger, der seit 1981 keinen Titel mehr gewinnen konnte, steht nach dem neunten Spieltag mit 24 Punkten auf Platz eins. Zwei Punkte vor Top-Favorit Düdelingen, der von Watzkas ehemaligem Mitspieler aus Offenbacher Tagen, Dino Toppmöller, trainiert wird. Hält Niederkorn das bis zum Schluss durch? „Wir haben eine wirklich gute Mannschaft zusammen“, sagt Watzka und lobt die Luxemburger Talente Olivier und Sebastian Thill, die auch für die Nationalmannschaft aktiv sind. „Wenn man nach neun Spielen nur eines verloren hat, gehört man freilich zu den Favoriten. Aber große Ansprüche anmelden wollen wir nicht. Es geht so knapp zu. Obwohl wir fast alles gewonnen haben, haben wir nur einen knappen Vorsprung.“ Und doch: „Es wäre natürlich der Hammer, einmal Meister zu werden – und dann auch noch im Ausland.“

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