Carl Klaus: Konkurrenzkampf im Urlaubsparadies

In der vergangenen Rückrunde hatte der deutsche Torwart Carl Klaus gerade einmal 15 Tage keinen Besuch von Freunden oder Familie – und die nicht mal an einem Stück. Das mag an dem Ort liegen, wo der Fußballprofi sein Geld verdient: Auf Mallorca. Der U19-Meister von 2013 spielt bei Atletico Baleares in der dritten spanischen Liga. Der Kontakt zu dem Verein auf der beliebtesten Ferieninsel der Deutschen kam durch seinen ehemaligen Juniorenauswahltrainer Christian Ziege zustande, der zu Beginn der Saison 2016/17 dort Trainer war.

Carl KlausDer Werdegang des Schwaben begann in der Jugend des VfB Stuttgart, der sich vor einigen Jahren anschickte, sich einen Namen in der Ausbildung junger, talentierter Torhüter zu machen. Das prominenteste Beispiel ist sicherlich Nationaltorwart Bernd Leno, der inzwischen bei Bayer Leverkusen spielt und er ist beileibe nicht der einzige. So konnte auch U21-Europameister Odisseas Vlachodimos auf sich aufmerksam machen und hütet inzwischen bei Panathinaikos Athen in der ersten griechischen Liga das Tor. Eben dieser Vlachodimos war im gleichen Jahrgang wie Klaus. Bemerkenswert dabei: Beide Keeper standen regelmäßig im Kader der deutschen U18- und U19-Nationalmannschaft.

Doch die große Konkurrenz, auch in den Jahrgängen darüber und darunter, führte zu einem Stau in der Jugendabteilung des VfB – auch im Hinblick auf die U23. Es war nahezu unmöglich allen Torwarttalenten gleichermaßen Spielanteile zu ermöglichen, sie zu fördern. Also wagte Klaus im Sommer 2012 den Schritt aus der Heimat. In seinem letzten U19-Jahr wechselte er zum VfL Wolfsburg und wurde dort direkt zum Stammkeeper. An der Seite der heutigen Nationalspieler Maximilian Arnold und Julian Brandt wurde er Meister der ältesten deutschen Jugendklasse. „Es war unglaublich“, sagt Klaus auf den Erfolg angesprochen. „Wir hatten eine super Mannschaft, einen tollten Spirit.“ Und es waren in der Endrunde die ersten richtigen Profierfahrungen. „Wir haben im Halbfinale auf Schalke vor 12.000 Zuschauern gespielt, im Finale gegen Rostock vor 18.000. Die Spiele kamen im Fernsehen, die Lokalpresse hat sich mit unserer Mannschaft beschäftigt. Das war schon etwas Besonderes.“

In der Rückschau war es die „beste Saison, die ich je gespielt habe“, sagt er. In dieser Zeit trainierte er auch immer wieder bei den Profis mit. Doch der Moment seines größten Erfolges brachte auch den bisher größten Rückschlag mit sich. Im Finale zog er sich eine Rückenverletzung zu. Ein Jahr lang machte er kein Training und erst recht kein Spiel, musste sich dann wieder in die Mannschaft kämpfen. Nach einem Jahr mit nur neun Spielen (drei andere Keeper kamen abgesehen von ihm zum Einsatz), wechselte er zurück in die Heimat. Der damalige Drittligist Stuttgarter Kickers mit Trainer Horst Steffen holte ihn und der damals 21 Jahre alte Klaus setzte sich gegen Rouven Sattelmaier durch und spielte. Zwei Rote Karten konnten ihn ebenso wenig seinen Stammplatz kosten wie ein Trainerwechsel. Doch kurz vor der Winterpause wollte der neue Coach Tomislav Stipic dann doch ein Zeichen setzen und wechselte den Schlussmann. Bevor die Rückrunde startete zog sich Klaus zu allem Überfluss eine Schulterveletzung zu und musste während der Vorbereitung pausieren. Sein Platz in der Mannschaft war endgültig weg, er lief nur noch einmal im April für die zweite Mannschaft der Kickers in der Oberliga Baden-Württemberg auf.

Landsleute erleichtern den Start auf Mallorca

In der folgenden Sommerpause erhielt er dann die Anfrage von Ziege – und er folgte diesem Ruf. Zu Beginn seiner Zeit auf Mallorca hatte er neben seinem deutschen Trainer in Ex-Nationalspieler Malik Fathi, Marcel Ndjeng, Michael Wiemann und Vincenzo Marchese auch vier weitere deutsche Mitspieler, das erleichterte das Ankommen im neuen Land, sagt er. Inzwischen habe er aber auch die Sprache „mehr oder weniger gut“ gelernt. Er kann sich im alltäglichen Leben verständigen und auf dem Platz sowieso. Das sei auch wichtig gewesen, sagt er. Denn obwohl Mallorca vor allem durch den Tourismus bekannt ist, sprechen die Menschen auf den Ämtern, die eben hauptsächlich von Einheimischen besucht werden, kaum, eher sogar kein Englisch. Dabei gibt es viel, worum man sich kümmern muss, will man in Spanien wohnen. Anmeldung beim Wasserwerk, beim Elektrizitätwerk, Internet – und Einkaufen für den Alltag muss auch sein. Schließlich gibt beim Verein keine Rundumversorgung.

Klaus war vor einem Jahr nach Spanien gekommen, um zu spielen. Der Plan war eine Rotation mit dem ebenfalls neu verpflichteten Keeper Oinatz Aulestia. So lief es auch in der Anfangszeit. Viermal lief der Stuttgarter in den ersten acht Partien der viergleisigen, dritten Liga auf, ehe ihn eine Verletzung erneut zurückwarf. Ein Muskelbündelriss setzte ihn zwei Monate außer Gefecht, die Torwartrotation war damit erstmal beendet, Klaus machte in der Saison kein Spiel mehr. Doch in der Sommerpause kämpfte er sich wieder ran. Der neue Coach, Armando de la Morena, der im Sommer bei den Mallorquinern seinen Job antrat, setzt wieder auf Rotation. In Dreierblöcken wechseln sich Klaus und der 36 Jahre alte Aulestia ab.

„Manchmal rufen sie ‚ter Stegen‘“

Einem besonderen Druck, weil er im Torwartland Deutschland ausgebildet wurde, sieht sich Klaus nicht ausgesetzt. „Die Spanier sind sehr stolz auf ihre eigene Liga. Viel mehr als Bayern, Dortmund und Schalke kennen die meisten auch nicht. Sie sind mehr auf ihre Liga fixiert. Da ist es egal, wo ich herkomme.“ Und doch wird der technisch versierte Klaus einen Vergleich nicht ganz los: „Wenn ich im Training einen guten langen Ball spiele oder sonst eine gute Aktion mit dem Fuß habe, rufen die Mitspieler schon mal ‚ter Stegen‘“, sagt er. Den kennen sie. Er spielt schließlich beim FC Barcelona.

Klaus‘ Vertrag bei Atletico läuft noch bis zum nächsten Sommer. Nach dem knapp verpassten Aufstieg in die La Liga 2 im vergangenen Jahr soll es in dieser Saison klappen. Klaus persönlich möchte in dieser Zeit endlich einmal verletzungsfrei bleiben und viele Spiele machen. Was danach kommt spielt noch keine Rolle, auch wenn er sagt: „Ich kann mir vorstellen, noch in einigen Ländern zu spielen.“ Doch dafür bleibt dem 23-Jährigen noch viel Zeit. Lieblingsziele hat er nicht. „Ich will einfach nichts ausschließen“, sagt er. Die zweiten oder dritten Ligen in Spanien, Italien, Deutschland oder England würden ihn genauso reizen wie die ersten in Portugal, Dänemark oder den Niederlanden – oder sogar ein Wechsel nach Asien. Diese Überlegung ist aber mit Bedingungen verknüpft: „Wenn ich jetzt beispielsweise nach Thailand gehen würde, müsste dort aber das Umfeld, der Verein, die Perspektive und die Mannschaft zu 100 Prozent passen, schließlich wäre das schon ein großer Schritt. Hier in Europa kann man schon mal Abstriche machen“, sagt er.

Doch das ist ohnehin Zukunftsmusik. In zwei Ligaspielen und stand der Schwabe aktuell bei den Mallorquinern im Tor. Bislang stehen ein Sieg und ein Remis in Unterzahl mit je einem Gegentor auf seinem Arbeitsnachweis. Wozu also an die Zukunft denken, wenn die aktuelle Saison genug Herausforderungen bietet. Und auch Freunde und Familie sind sicherlich dankbar, wenn sie weiterhin eine Anlaufstelle auf Mallorca haben. Denn, das sagt Klaus auch: „Von Stuttgart braucht man kürzer nach Palma als nach Wolfsburg.“

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