Tim Heubach: Mit gutem Bauchgefühl nach Israel

Tim Heubach

Tim Heubach im Trikot von Maccabi Netanya (Foto: Facebook (Heubach))

In den vergangenen Jahren war Innenverteidiger Tim Heubach ein fester Bestandteil der zweiten Bundesliga. Von einigen Verletzungen geplagt kam der gebürtige Neusser auf 91 Einsätze für den FSV Frankfurt und den 1. FC Kaiserslautern in der zweithöchsten deutschen Spielklasse. Im Sommer wechselte er im Alter von 29 Jahren nach Israel zu Maccabi Netanya in die erste Liga. „Der Bauch hat mir gesagt, dass es das Richtige ist“, sagt Heubach, der seit Saisonbeginn nicht aus der Mannschaft des Aufsteigers wegzudenken ist. Schon seit dem vergangenen Februar habe es Interesse gegeben, sagt er, im Sommer wurde es fix.

Die Stadt Netanya liegt zwischen Tel Aviv und Haifa direkt am Mittelmeer. Der Verein Maccabi wurde 1934 gegründet und galt in den 70er und 80er Jahren als das Maß aller Dinge im israelischen Vereinsfußball. In dieser Zeit wurde auch fünfmal der Meistertitel gewonnen, der bislang letzte im Jahr 1983. Deutschen Fußballfans ist der Verein vor allem durch das kurze Trainer-Engagement von Lothar Matthäus bekannt, oder als Jugendverein des Ingolstädter Mittelfeldspielers Almog Cohen.

Regeneration am Strand statt auf dem Sofa

Nun spielt Heubach dort und genießt es. „Schon als ich aus dem Flugzeug gestiegen bin, habe ich mich zu Hause gefühlt“, sagt er. „Ich hatte direkt ein gutes Gefühl.“ Große Sicherheitsbedenken hatte er nicht. „Natürlich habe ich mich bei Leuten umgehört, die hier spielen oder hier Urlaub gemacht haben“, sagt Heubach. „Aber ich habe nichts negatives gehört.“ Von Unruhen, von denen er in Europa am Fernsehen mitbekommen hat, habe er in Netanya sogar noch gar nichts mitbekommen. Dort lebt er 200 Meter vom Strand entfernt. Eine ganz andere Lebensqualität wie er sagt: „Regeneration auf dem Sofa ist okay, am Strand ist es aber schöner.“ Dabei hatte Heubach eine Auslandserfahrung lange gar nicht auf der To-Do-Liste. „Aber es hat sich einfach ergeben“, sagt er. „Außerdem passt es ziemlich gut. Ich bin 29, habe noch keine Kinder. Mit Kindern wäre es schwieriger.“

Tim HeubachUnd auch Fußballerisch passt es. Nach 12 Spieltagen stehen die „Diamonds“, wie Maccabi Netanya auch genannt wird, auf dem fünften von 14 Plätzen in der israelischen Elite-Liga. Die ersten sechs qualifizieren sich für die Meisterrunde, in der die internationalen Plätze ausgespielt werden. Der Meister nimmt an der Qualifikation für die Champions League teil, der Zweite und der Dritte haben die Chance, sich für die Europa League zu qualifizieren. Doch darauf hat Heubach bei seinem Wechsel gar nicht geschielt. „Nein. Das war für mich kein Faktor“, sagt er bestimmt. „Ich wollte einfach mal raus und etwas anderes sehen.“ Außerdem sei die Saison noch zu lang, um darüber zu spekulieren.

Kein Wunder, dass Heubach gar nicht so sehr an die Zukunft denken will, wenn es in der Gegenwart läuft. In Israel sei für ihn der Spaß am Fußball zurückgekehrt, sagt er vor Wochen schon dem SWR. Fußballweltreiser erklärte er das so: „Ich bin hier auf einen eingeschworenen Haufen getroffen, der mich gut aufgenommen hat.“ Außerdem sei das ganze Drumherum etwas lockerer als in Deutschland und der Erfolg tue natürlich sein Übriges. „Wenn es läuft hat man immer mehr Spaß, wenn es nicht läuft, geht schnell die Leichtigkeit flöten“, sagt er auch mit Blick auf die Zeit in Kaiserslautern. „Da hat es am Ende ja weder den Spielen, noch den Fans noch den Verantwortlichen mehr Spaß gemacht. Von daher ist das jetzt schon ein krasses Gegenprogramm.“

Ob die Fans und das Umfeld in Netanya wegen des guten Saisonstarts auch tatsächlich zufrieden sind, weiß Heubach nicht. „Ich kann hier ja nichts lesen“, sagt er und lacht. Doch das könnte sich bald ändern, denn der 1,92-Riese will Hebräisch lernen, auch wenn er weiß, dass es nicht leicht ist. „Ich möchte mich wenigstens über die Standard-Floskeln hinaus verständigen können“, sagt er. Sein Englisch ist durchs tägliche Benutzen seit seinem Wechsel auf jeden Fall besser geworden.

„In Israel wird weniger gelaufen“

Anders als bei der Sprache musste sich der Abwehrspieler beim Kerngeschäft Fußball kaum umstellen. Zwar sei der Start wegen des wärmeren Klimas und der höheren Luftfeuchtigkeit ziemlich  anstrengend gewesen, doch das Spiel unterscheide sich kaum, von dem in Deutschland. „Es wird aber weniger gelaufen und verschoben als in der zweiten Bundesliga. Rund 10 Kilometer pro Spiel“, sagt er. Wie sich das nun in einem direkten Duell bemerkbar machen würde, darüber wagt er kein Urteil.

Noch bis zum Sommer läuft Heubachs Vertrag in Netanya. Dann hat der Verein eine Option auf ein weiteres Jahr. Doch daran denkt der Abwehrspieler nicht. Er genießt es, Teil des verschworenen Haufens zu sein, den er erst vor einigen Monaten kennengelernt hatte und hat auch außerhalb des Platzes noch einiges vor: „In Israel gibt es so viel Geschichte. Ich will da noch einiges erkunden. Da gibt es noch einige Städte und Orte, die ich mir ansehen möchte“, sagt er. Dafür hat er mindestens noch bis Juni Zeit.

Fabian Otte coacht mit den besten Ideen aus fünf Ländern

Fabian Otte schießt Neuseelands Torhüterin Erin Nayler ein

Fabian Otte schießt Neuseelands Torhüterin Erin Nayler ein

Mit nur 26 Jahren ist Fabian Otte schon bei der Karriere nach der Karriere angelangt. Der gebürtige Münsteraner ist als Torwarttrainer beim Neuseeländischen Verband angestellt. Dort trainiert er die Torhüterinnen der A-Nationalmannschaft, sowie die des Akademie-Teams (Football Ferns Development Program). Das hatte der Verband ins Leben gerufen, um den Abstand zur ersten Elf zu schließen. Während die ersten 13 Frauen allesamt professionell in Europa oder Amerika spielen, hängt der Rest etwas hintendran. „Da wollen wir einen Übergang schaffen“, sagt Otte, der schon die verschiedensten Torwarttrainer Lizenzen hat und demnächst seinen B-Schein bei der OFC macht. „Wir trainieren viermal die Woche, haben einen geregelten Spielbetrieb. So soll das Niveau angeglichen werden, damit auch die nächsten Spielerinnen in die Profiligen kommen.“

Fabian OtteDoch auch als Spieler hat Otte schon einiges gesehen. In seiner kurzen Karriere spielte er bereits in fünf verschiedenen Ländern. Nach seinem Karrierestart bei Preußen Münster stand der Torwart schnell vor der Entscheidung zwischen Studium und Sport. Die Trainingszeiten ließen es nicht anders zu und so bot es sich an, die beiden Wege in den USA beim North Carolina State-College zu verbinden. Drei Jahre später hatte er seinen Abschluss in der Tasche und war sogar beim MLS-Draft dabei, wurde aber nicht gepickt und so entschied er sich, es wieder in Deutschland zu versuchen. Er schloss sich dem damaligen Regionalligisten Sportfreunde Lotte an. Doch da merkte er schnell, dass er nicht komplett glücklich wurde. „Ich wollte den Fußball nutzen, um ein bisschen was von der Welt zu sehen und nicht immer nur in einem Land spielen“, sagt er. Außerdem sei es damals schon unrealistisch gewesen, es noch einmal in die Bundesliga zu schaffen. „Ich war schließlich schon 24 und hatte nur US-College-Erfahrungen.“

Erste Auslandsstation: Das College-Team der North Carolina State

Erste Auslandsstation: Das College-Team der North Carolina State

So ging es für Otte erstmals nach Neuseeland. Ein halbes Jahr spielte er dort bei den Western Suburbs. Das ist so üblich: Pro Jahr werden zwei Meisterschaften gespielt. Die Wintersaison von April bis Juli und die Sommersaison von Oktober bis März. Das Land hatte ihn sofort fasziniert. „Die Menschen, die Landschaft: Wunderschön“, sagt er. Diese Erinnerungen ließen ihn nicht los. Auch, wenn er vorerst seine Zelte wieder abbrach und erst nach England, später nach Holland ging, ehe er zur vergangenen Wintersaison wieder ans andere Ende der Welt wechselte – in Dreifachfunktion.

Zunächst spielte er als Torwart bei Three Kings United und machte nebenbei seinen Doktor in Marketing. Über den derzeitigen U20-Nationaltrainer, mit dem er 2015 kurz zusammengearbeitet hatte, bekam er dann die Stelle an der Akademie und arbeitete sich zum Torwarttrainer der A-Mannschaft hoch. Und so beendete er nach der Wintersaison seine aktive Karriere. Durch seinen Job beim Verband habe er einfach nicht genug Zeit, um selbst zu spielen und zu trainieren. „Wir waren mit der Nationalmannschaft in den USA, demnächst fliegen wir nach Thailand. Bei so einem Programm kann ich keinen Vertrag unterschreiben.“

Fabian Otte mit zwei Akademie-Torhüterinnen

Fabian Otte mit zwei Akademie-Torhüterinnen

Ohnehin ist Otte in Neuseeland gut ausgelastet. Viermal trainiert seine Akademie-Mannschaft in der Woche, am Wochenende ist Spiel. Dazu kommen die Reisen mit dem A-Team und seine Arbeit an der Universität. „Und das schöne Land“, fügt er hinzu. Schließlich wolle er auch etwas davon sehen.

Im Trainerjob hat Otte eine Berufung gefunden und er kann viel von seinen gesammelten Erfahrungen einbringen. „Ich habe eine gute, technische Torwartschule in Deutschland durchlaufen, hatte in Tony Norman in England einen menschlich überragenden Torwarttrainer und konnte mir in Holland und den USA nochmal ein ganz anderes Torwartspiel anschauen“, sagt er. „Ich denke, dass ich so die Möglichkeit habe, mir von allem das Beste rauszupicken und anzuwenden.“

Während seiner Zeit in England spielte Otte auch um den FA Cup

Während seiner Zeit in England spielte Otte auch um den FA Cup

Trotz der dualen, der akadamischen und der Trainer-Karriere, hat sich Otte festgelegt. „Die Arbeit an der Uni macht Spaß, aber als Trainer fühle ich mich wohler. Es macht sogar mehr Spaß als spielen“, sagt er. Und dieser Job soll den reiselustigen Münsteraner auch wieder nach Europa bringen. „Dort liegt das Herz des Fußballs“, sagt er. „Wenn ich auf dem höchstmöglichen Niveau arbeiten will, muss ich nach Europa.“ Seine Ziele hat er sich klar gesteckt: In drei, vier Jahren will er wieder zurück auf den Heimatkontinent. Vielleicht sogar nach Deutschland. „Ich kann mir gut vorstellen, in einem Nachwuchs-Leistungszentrum oder beim DFB zu arbeiten“, sagt er.

Maximilian Watzka: Über Luxemburg in den Ibrox Park

Eine Auslandserfahrung hatte Maximilian Watzka schon immer gereizt. Als sich in der Saison 2016/17 herauskristallisierte, dass der damalige Coach von Regionalligist Viktoria Berlin, Ersan Parlatan, nicht mehr mit ihm plante, ergriff der Mittelfeldspieler im Januar die Gelegenheit beim Schopf. Mit mittlerweile 30 Jahren wagte er den Schritt nach Luxemburg und schloss sich Progrès Niederkorn an. „Eigentlich“, sagt er „habe ich mir unter Ausland was anderes vorgestellt. Was exotischeres wie Malta oder Zypern, wo es auch warm ist.“

Doch mit Luxemburg scheint es der ehemalige Zweitliga-Profi gut getroffen zu haben. Nur ein halbes Jahr nach seinem Wechsel lief er mit dem 1919 gegründeten Traditionsverein in der Europa-League-Qualifikation im Ibrox Park gegen die Glasgow Rangers auf und setzte sich nach knapper Niederlage im Auswärtsspiel mit einem 2:0 in Luxemburg durch. „Die Möglichkeit, europäisch zu spielen, war ein wichtiger Punkt für die Entscheidung“, sagt Watzka. „Ich glaube nicht, dass ich in vielen anderen Ländern realistisch die Möglichkeit gehabt hätte, vor 49.000 Zuschauern in Schottland zu spielen.“

Was für ein Moment: Maximilian Watzka läuft mit Progres Niederkorn gegen die Glasgow Rangers im Ibrox Park auf

Was für ein Moment: Maximilian Watzka läuft mit Progrès Niederkorn gegen die Glasgow Rangers im Ibrox Park auf

Überhaupt erfreut sich Luxemburg bei deutschen Fußballern größter Beliebtheit. 70 Profis sind im kleinen Nachbarstaat unterwegs. Nur in Österreich, der Schweiz und den USA sind es mehr. Neben der Möglichkeit europäisch zu spielen, sei sicherlich auch für einige, die aus dem Westen der Republik kommen, die Nähe zur Heimat ein Grund, mutmaßt Watzka – außerdem die ordentliche Bezahlung. „Die Vereine trainieren hier wie deutsche Oberligisten: viermal die Woche am Abend“, sagt Watzka. „Aber bezahlt wird man hier wie in der Regionalliga, manche sogar wie bei Drittligisten.“ Für andere mag auch die Sprache, fast alle Luxemburger verstehen Deutsch, ein Grund gewesen sein, sagt der 31-Jährige.

Maximilian WatzkaAuch bei Watzka spielte die Sprache eine Rolle, doch auf eine andere Weise: „Ich wollte neben Englisch nochmal eine andere Sprache lernen, jetzt wird es Französisch.“ Denn das ist die Umgangssprache. Das gilt besonders in Niederkorn in der Region Differdingen, im Dreiländereck mit Belgien und Frankreich. Ohne Vorkenntnisse ging Watzka diesen Schritt. In der Schule hatte der gebürtige Leipziger noch Russisch als zweite Fremdsprache gelernt. Seit seinem Wechsel nach Luxemburg trainiert er neben dem Sport auf dem Handy mit einer App. „Inzwischen verstehe ich den Trainer, kann problemlos einkaufen und bestellen“, sagt er. „Es ist aber noch ganz schön gebrochen.“

Auch in der Lebensweise bemerkt Watzka, der lange in Berlin gelebt hat, trotz der geografischen Nähe große Unterschiede zu Deutschland. Lässt man die Hauptstadt (110.000 Einwohner) einmal raus, ist Luxemburg relativ ländlich. Niederkorn hat 5000 Einwohner, die nächsten größeren Orte Differdingen 25.000 und Esch 34.000. Viele Menschen leben hier lieber außerhalb und hätten dadurch auch eine andere Einstellung zum Leben. „Vielen ist hier wichtig, ein Haus zu haben und einfach das Leben zu leben“, sagt Watzka. In eine andere Stadt zu ziehen, stehe für viele gar nicht zur Debatte. In Deutschland sei das anders. „Wenn du in Berlin bist, dauert es lange, bis man mal einen echten Berliner findet“, sagt er und lacht. Durch diese Verbundenheit mit dem Heimatort sei es auch schwierig, in eine eingeschworene Gemeinschaft, in der sich die Menschen seit Jahren kennen, hineinzukommen. „Es braucht Zeit, bis sich die Leute öffnen“, berichtet Watzka. „Wenn es aber so weit ist, dann sind sie sehr Hilfsbereit.“ Es herrsche ein sehr familiäres Klima, auch im Verein. Auch das kannte er aus seiner Zeit in Berlin nicht unbedingt, wo Hilfsbereitschaft oft an den Grenzen des Freundeskreises endet.

Maximilian Watzka (Mitte) im Europa-League-Qualifikationsspiel gegen AEL Limassol

Maximilian Watzka (Mitte) im Europa-League-Qualifikationsspiel gegen AEL Limassol

Sportlich ist Luxemburg nach wie vor ein Entwicklungsland, aber es werde viel angestoßen, sagt Watzka. „Auch wenn das schwierig sei, weil viele Spieler nebenbei noch arbeiten.“ Und doch passiert etwas, was sich auch mit Ergebnissen belegen lässt. Progrès schaltete in diesem Sommer die Glasgow Rangers aus, Dauermeister Düdelingen besiegte vor einigen Jahren Roger Schmidts Red Bull Salzburg in der Champions-League-Qualifikation und zuletzt rang Luxemburgs Nationalmannschaft Frankreich in der WM-Qualifikation ein 0:0 ab. „Luxemburg wurde lange belächelt, aber durch die Achtungserfolge der letzten Zeit, denke ich, dass inzwischen auch mehr Leute anders hierher schauen.“ Das führe auch dazu, dass sich die jungen Spieler in der Liga vielleicht noch etwas mehr reinhängen, weil sie durch die höhere Aufmerksamkeit die Chance sehen, entdeckt zu werden. Diese Zusatzmotivation steigert in der Folge das Niveau. „Außerdem haben es nun mit Jeff Saibene und Jeff Strasser auch zwei Trainer in den deutschen Fußball geschafft“, sagt Watzka mit Blick auf die Zweitligisten Bielefeld und Kaiserslautern. Das zeige auch, dass es in Luxemburg viel Fußballsachverstand gibt.

Bevor Watzka nach Luxemburg wechselte, spielte er bei drei Klubs in Leipzig, Viktoria Berlin, Kickers Offenbach und Eintracht Trier.

Bevor Watzka nach Luxemburg wechselte, spielte er bei drei Klubs in Leipzig, Viktoria Berlin, Kickers Offenbach und Eintracht Trier.

Bei Watzkas Verein Niederkorn ist ebenfalls einiges im Gange. Der dreimalige Meister und viermalige Pokalsieger, der seit 1981 keinen Titel mehr gewinnen konnte, steht nach dem neunten Spieltag mit 24 Punkten auf Platz eins. Zwei Punkte vor Top-Favorit Düdelingen, der von Watzkas ehemaligem Mitspieler aus Offenbacher Tagen, Dino Toppmöller, trainiert wird. Hält Niederkorn das bis zum Schluss durch? „Wir haben eine wirklich gute Mannschaft zusammen“, sagt Watzka und lobt die Luxemburger Talente Olivier und Sebastian Thill, die auch für die Nationalmannschaft aktiv sind. „Wenn man nach neun Spielen nur eines verloren hat, gehört man freilich zu den Favoriten. Aber große Ansprüche anmelden wollen wir nicht. Es geht so knapp zu. Obwohl wir fast alles gewonnen haben, haben wir nur einen knappen Vorsprung.“ Und doch: „Es wäre natürlich der Hammer, einmal Meister zu werden – und dann auch noch im Ausland.“

Marcel Kandziora: Über ein ausgeklügeltes System in die Playoffs

Marcel Kandziora für North Carolina am Ball im Spiel gegen Miami (Foto: Kandziora)

Marcel Kandziora für North Carolina am Ball im Spiel gegen Miami (Foto: Kandziora)

Marcel Kandziora hat in Fußball-Deutschland schon einiges erlebt. Im Alter von 15 Jahren wechselte der gebürtige Münsteraner in den Nachwuchs von Borussia Dortmund, 2009 wurde er an der Seite von Mario Götze U19-Vizemeister, später spielte er in der zweiten Mannschaft, ehe er für den SV Sandhausen, den FSV Frankfurt und den VfL Osnabrück 100 Spiele in der 3. Liga und 31 Partien in der 2. Bundesliga machte. Im Sommer 2016 lief Kandzioras Vertrag in Osnabrück aus. Der variabel einsetzbare Mittelfeldspieler machte erstmal einen ausgedehnten Urlaub in den USA – inklusive Probetraining bei den North Carolina RailHawks. Kandziora wusste zu überzeugen und unterschrieb einen Vertrag ab dem 1. Januar 2017. Doch bis zum Start der Saisonvorbereitung, der Pre-Season, wusste er nicht, ob der Kontrakt auch Rechtsgültigkeit besitzen würde, denn der Fußball in den USA ist komplett anders organisiert: North Carolina, die zum Jahreswechsel den Beinamen RailHawks gegen FC tauschten, spielt in der NASL, einer von zwei Liga-Franchises, die als zweitklassig gelten. Doch lange war nicht klar, ob dieses Franchise überhaupt an den Start gehen würde. Nachdem im Jahr 2016 zwölf Teams in der Liga spielten, wurde in diesem Jahr der Spielbetrieb mit acht Teams aufgenommen. Darunter auch Kandzioras North Carolina FC.

Marcel KandzioraEs ist ein Spielbetrieb mit seinen kontinentalen Eigenheiten. Auf- und Abstieg gibt es nicht, da die Ligen unterschiedlichen Besitzern gehören. Dafür gibt ein ausgeklügeltes Meisterschafts-System. Es werden im Jahr zwei Saisons gespielt. Eine im Frühjahr, eine im Herbst. Die Meister beider Wettbewerbe qualifizieren sich direkt für die Playoffs, die anderen beiden Playoff-Teilnehmer über die Gesamtzahl der Punkte aus beiden Saisonteilen, bei Punktgleichheit zählt der direkte Vergleich aus den vier Duellen. „Man muss studiert haben, um das alles zu verstehen“, sagt Kandziora und lacht. Während das Liga-System nur etwas für Profis ist, ist der Fußball auf dem Platz noch deutlich einfacher gestrickt. Kandziora erinnert die Spielweise an das „Kick and Rush“ früherer Tage in England. „Hier wird viel mit langen Bällen gespielt, es geht viel hin und her“, beschreibt er. Gerade für ihn als zentraler Mittelfeldspieler, der versucht das Spiel zu ordnen, sei das sehr laufaufwändig – und eine große Umstellung. Aber auch eine Aufgabe, die er gerne annimmt. Anders als seine Teamkollegen hat Kandziora ein europäisches Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen. Das macht sich auf dem Platz schon bemerkbar. Erwartungen geschürt hat das aber nicht. „Hier hat sich niemand damit beschäftigt, dass ich 2. und 3. Liga gespielt habe“, sagt der ehemalige Juniorennationalspieler. „Die Expertise begrenzt sich eher auf Europas Topligen und die MLS, daher war das Probetraining ausschlaggebend, nicht, was ich vorher gemacht habe.“

Was die öffentliche Wahrnehmung des Fußballs angeht, kommt er selbstverständlich noch immer nicht an Basketball, American Football, Baseball und Eishockey vorbei, doch die Aufmerksamkeit ist auch für die NASL größer als erwartet. Die Spiele werden im Fernsehen oder auf Youtube übertragen. Die Presse berichtet über die Spiele und Mannschaften – und es ist natürlich wie auch die anderen Sportarten in den USA ein großes Geschäft. „Neulich habe ich irgendwie gehört, dass unser Owner sich für die Playoffs das Heimrecht kaufen will“, sagt Kandziora. Business eben.

Für die US-Fans ist Fußball ein Event

Die Organisation innerhalb des Vereins ist indes sehr professionell. „Die Bedingungen sind so, wie man es aus Europa auch kennt“, sagt Kandziora. Das gilt auch für das gesamte Leben. Auch, wenn es in den USA gerade „spezielle Zeiten“ sind, wie er mit Blick auf die politische Situation sagt. Er selbst lebt mit seiner gesamten Mannschaft in einem großen Appartment-Komplex, jeweils zwei Mitspieler teilen sich eine Wohnung. Es gefällt ihm. Und doch war der Start schwierig, denn Kandziora war beinahe die komplette Spring-Season verletzt.

Zwei Muskelfaserrisse, einer in der Wade, einer in der Achillessehne stoppten ihn immer wieder. In der Fall-Season läuft es besser. Der Münsteraner ist verletzungsfrei, spielt gut auf. Die Mannschaft hat gute Chancen, sich für die Playoffs zu qualifizieren. Das sehen auch die Fans gerne. Rund 5000 Zuschauer kommen pro Partie in den WakeMed Soccer Park. „Das ist aber vom Wetter abhängig“, sagt Kandziora. „Die Fans kommen, weil es ein Event ist, nicht wie in Deutschland wegen Fankultur oder Liebe zum Verein. Aber dadurch ist die Stimmung auch wirklich gut. Die Zuschauer kommen eben zum Spaß haben.“

Der Spaß ist zurück

Und auch Kandziora hat ebenfalls Spaß. Der Wechsel in die Vereinigten Staaten hat ihm mental sichtlich gut getan. Über die Jahre hatte Kandziora, der neben der Karriere BWL studiert, ein bisschen den Freude am Fußball verloren. Dann kam der Wechsel auf die andere Seite des Atlantik. „Ich kam mal raus aus dieser Fußballer-Blase“, sagt er. Aus der Blase, wo sich vieles um Statussymbole dreht. „Ich konnte hier neu anfangen und einfach nur Fußball spielen. Keiner hat sich dafür interessiert, wo ich mal gespielt hab. Ich konnte ganz befreit spielen. Das gibt mir unglaublich viel und macht richtig Spaß.“ Das unbeschwerte, das ist auch etwas, was den US-Fußball ausmacht. Natürlich sei es ein Wettbewerb, natürlich gehe es auch jenseits der europäischen Grenzen darum, in jedem Spiel sein Bestes zu geben und zu gewinnen. Doch die Einstellung sei schon eine andere, sagt Kandziora: „Ich habe gelernt, nicht alles so verbissen zu sehen.“ Und auch sein Englisch hat sich verbessert.

Wenn die Saison im November vorbei ist, endet Kandzioras Vertrag. Er hat zwar eine Option auf ein weiteres Jahr, doch ob die gezogen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Erstmal muss die NASL überhaupt wieder zustande kommen, das steht in den Sternen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist das Studium des 27-Jährigen. „Wenn es mit der Liga weitergeht und ich bleibe, würde ich gerne hier ein Auslandssemester machen, damit ich sowohl die fußballerische als auch die akademische Karriere vorantreiben kann.“ Sollte das nicht klappen würde er nach dem befreienden Jahr in den USA gerne zurück nach Deutschland kommen. Nicht nur für das Studium, auch für den Sport, denn Kandziora hat wieder richtig Lust auf Fußball. Sollte es für den Titel in den Playoffs nicht reichen, so hat sich das Auslandsjahr in North Carolina auf jeden Fall in dieser Hinsicht gelohnt.

Björn Bussmann: Eine zweite Heimat in Asturien

Bussmann

Björn Bussmann im Trikot von Caudal Deportivo (Foto: Bussmann)

Seit 2014 spielt Torhüter Björn Bussmann bereits in Spanien. Zuvor davon geträumt hatte er nicht, er hat die Chance, die sich ihm geboten hat, einfach wahrgenommen. In der Sommerpause suchte der damalige Zweitligist Sporting Gijon einen Torwart für die zweite Mannschaft, weil der Keeper der ersten Mannschaft, Ivan Cuellar, eigentlich den Verein wechseln wollte. Bussmann trainierte mehrere Wochen mit, doch Cuellar blieb und für den gebürtigen Bergisch Gladbacher war kein Platz. Doch es eröffnete sich eine neue Gelegenheit – in derselben Region. Der Viertligist Caudal Deportivo aus Mieres, eine halbe Autostunde von Gijon entfernt, warb um die Dienste des ehemaligen Juniorennationalspielers und sagte zu.

Björn BussmannDer Anfang war schwer. Bussmann, der die Auslandserfahrung durch seine zwei Jahre in der Jugend der Blackburn Rovers kennt, kam ohne Spanischkenntnisse nach Mieres. „Ich konnte nicht mal ‚hola‘ sagen“, berichtet er. Und auch die Wohnsituation war milde ausgedrückt speziell. Der Verein brachte ihn für den Start in einem kleinen, dunklen Zimmer einer WG mit zwei anderen Spielern unter. Kommunikation war wegen der Sprachbarriere kaum möglich und wenn seine Freundin zu Besuch kam, musste er auf dem Boden schlafen, denn auch das Bett war zu klein. Wegen der kaputten Heizung wärmte er sein Zimmer im Winter mit einem Fön. Schließlich ist Mieres nicht Mallorca. Die Stadt liegt im Landesinneren, in den Bergen der Region Asturien. Es kann schon mal recht kühl werden, es regnet oft. Und auch sportlich musste Bussmann Rückschläge einstecken. Nachdem er in den ersten zwölf Spielen in der Tercera Division überzeugen konnte, holte sein Trainer einen neuen Torwart und tauschte Bussmann ohne Begründung aus. Diese gab es später hinter vorgehaltener Hand. Der neue Keeper und der Trainer kannten sich, waren Amigos.

Nach einem Jahr, Bussmann war schon wieder in der Heimat, denn Caudal vereinbart mit seinen Spielern stets nur Einjahresverträge, kam ein Anruf vom Präsidenten. Er wollte, dass Bussmann bleibt, es sollte auch ein neuer Trainer kommen – und der baute auf den Deutschen.

Bussmann sollte seine Entscheidung nicht bereuen. Inzwischen war er auf Anraten seiner Eltern in eine andere Wohnung umgezogen. Nach Gijon, rund 200 Meter vom Strand entfernt, ohne Mitbewohner. „Wenn man tatsächlich mal die Möglichkeit hat, so zu wohnen, sollte man das auch wahrnehmen“, sagt er. Genauso wie seine Chance im Tor. Dort hatte er sich in der Vorbereitung einen Stammplatz erspielt und erlebte die „bislang schönste Saison“ bei Caudal. Er kassierte wenige Gegentore, das zweite erst am 19. Spieltag. Zuvor hatte er einen Rekord aufgestellt. Glatte 1000 Minuten am Stück hielt er seinen Kasten sauber. Die Fans feierten ihren „Buuuus“. Am Ende stieg die Mannschaft in die dritte Liga, die Segunda B, auf.

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In seiner zweiten Saison bei Caudal feierte Bussmann (links) den Aufstieg in die Segunda B. (Foto: Bussmann)

In dieser Phase verbesserte sich sein Spanisch extrem. Er hatte zuvor immer für sich gelernt. Filme guckte er mit Untertitel, schrieb sich Worte raus, die er nicht verstand, schlug sie nach, unterhielt sich mit seinen Teamkollegen und plötzlich musste er viele Interviews geben. „Der tägliche Umgang mit der Sprache“, sagt er „ist besser als jeder Spanischkurs.“ Inzwischen spreche er zwar nicht perfekt sagt er, aber auf jeden Fall gut und flüssig.

In der vergangenen Saison machte er 22 von 38 Spielen in der dritten Spanischen Liga, zwei andere Torhüter kamen ebenfalls zum Einsatz. In dieser Saison kam mit Paco Fernandez ein neuer Trainer und mit Javier Rabanillo ein neuer Konkurrent. Bussmann sitzt seither auf der Bank. „Wir haben eine unterschiedliche Spielweise“, sagt er. „Ich spiele die Bälle kontrolliert hinten raus, baue das Spiel so auf, der andere Torwart schlägt die Bälle eher nach vorne. Das gefällt dem Trainer besser.“ Doch Bussmann ist keiner, der aufgibt. „Ich gebe im Training immer alles und das honoriert der Trainer auch. Erst neulich hatten wir ein Gespräch.“ Und Bussmann glaubt an seine Chance. „Es kann so viel passieren. Wenn er einmal ausfällt, bin ich da. Mache ich ein gutes Spiel, kann das die Hierarchie verändern.“

Inzwischen lebt Bussmann in Gijon, rund 200 Meter vom Strand entfernt. (Foto: Bussmann)

Inzwischen lebt Bussmann in Gijon, rund 200 Meter vom Strand entfernt. (Foto: Bussmann)

Trotz der sportlich nicht optimalen Situation fühlt Bussmann sich wohl bei Caudal. Der Verein wird sehr familiär geführt. Er selbst trainiert die Türhüter in der Jugend und manchmal „löse ich mit unserer Putzfrau Sudoku“, sagt er und lacht.

Die Region ist inzwischen so etwas wie Heimat geworden. In Gijon trainiert er, wenn er abends vom Training aus Mieres kommt, noch Schüler. Seine Freundin kommt ihn alle zwei Wochen besuchen. Am liebsten würde er auch nach der Karriere hier wohnen. „Ich fühle mich einfach richtig wohl“, sagt er und wischt Gedanken an die Zukunft weg. „Man weiß ja nie, wo man landet. Wenn ich aber tatsächlich irgendwann den Verein verlassen sollte, würde ich schon gerne hier bleiben.“ Hier das ist Spanien, die nördliche Region Asturien, wo Strand und Berge zum Skifahren nur 30 Minuten voneinander entfernt sind. Hier will Bussmann bleiben – und bald möglichst wieder auch in Spielen im Tor stehen.

Timo Utecht: In Thailand trainiert er sich selbst

Am 12. Oktober 2014 gab Timo Utecht sein Regionalliga-Debüt für Wormatia Worms und wurde damit zum bis dahin jüngsten Torwart, der für die Fußballmannschaft aus der historisch bedeutenden Stadt aufgelaufen war. Doch für Worms spielt Utecht nicht mehr. Über die Zwischenstation VfR Mannheim zog es ihn nach Thailand. Dort spielt er bei BCC Tero, dem Farmteam von BEC Tero in der vierten Liga des Landes. Weiterlesen

Kai Druschky: „In Italien stehen die Emotionen im Vordergrund“

Kai Druschky

Schon dreimal traf Kai Druschky im Trikot von Trastevere Calcio (Foto: All around the Game Sportsmanagement)

Im Winter 2016 sollte die Profi-Karriere für Kai Druschky losgehen. Der traditionsreiche Ruhrpott-Klub Rot-Weiss Essen verpflichtete den Stürmer, der bislang bei International Leipzig in der Oberliga unter Vertrag stand, für 20.000 Euro. Es sollte richtig losgehen, doch es kam anders: Druschky brach sich eine Woche vor dem Start in die Rückrunde den Knöchel. Zweimal musste er operiert werden, für die Mannschaft aus dem Pott sollte er kein Pflichtspiel absolvieren. Doch in dieser Zeit reifte in dem gebürtigen Berliner der Entschluss nach Italien zu wechseln. Für das Ziel Italien, das Fußballsehnsuchtsland der frühen 1990er Jahre gibt es zwei Gründe. Zum einen war Druschky mit einer Italienerin zusammen, plante gemeinsam mit ihr den Schritt in den Süden zu wagen und ließ sich auch nach dem Ende der Beziehung nicht mehr davon abbringen. Auch, weil er die Spielkultur dort sehr schätzt. „Dort stehen die Emotionen noch mehr als in anderen Ländern im Vordergrund. Das ist bei mir auch so“, sagt er. Auch seine Vorbilder sind Italiener: Milan-Legende Filippo Inzaghi und Gianfranco Zola.

DruschkyDoch vor seinem Wechsel ins Ausland ging es für Druschky noch einmal zurück zu Inter Leipzig in die Oberliga. Sein alter und neuer Klub hatte gerade Stürmer Bocar Djumo an den Nordost-Regionalligisten Oberlausitz Neugersdorf abgegeben und war nun auf der Suche nach Verstärkung. Und auch Druschky wollte vor dem Italien-Abenteuer noch Spielpraxis sammeln. In Essen wäre das schwierig geworden, sagt er. Dort hätten sie aufgrund seiner Verletzung schon Spieler auf seiner Position nachverpflichtet.

Nach einem halben Jahr an alter Wirkungsstätte ging es dann im Sommer 2017 nach Italien. Über seine Berater Andreas Ryll und Andrea Mencarelli kam der Kontakt zum Viertligisten Trastevere Calcio in Rom zustande. Der 1909 gegründete Verein gilt als Nummer drei in der italienischen Hauptstadt nach den großen Serie A-Klubs Roma und Lazio. Und er hat ein sehr prominentes ehemaliges Mitglied. Am 24. Oktober 1985 wurde der damals neun Jahre alte Francesco Totti mit der Mitgliedsnummer 097264 beim Verein registriert. Ein Jahr spielte er für die Amarant-Weißen, ehe er zu Lodigani und schlussendlich zur Roma wechselte, wo er am 28. Mai 2017 seine Karriere beendete.

Der Start bei Trastevere war für Druschky nicht leicht. „Ich wurde von den Mitspielern schon komisch angeguckt, als ich da aufgetaucht bin und die Sprache nicht gesprochen habe“, sagt er. Wie in jedem anderen Verein sei er als der Neue auch hart rangenommen worden: „Gerade im körperlichen Bereich hat man gemerkt, dass die erstmal sehen wollten, was ich für einer bin.“ Doch die Eingewöhnungszeit dauerte nicht all zu lange. Denn Druschky ist keiner, der sich wegduckt, oder bei „kleinen Wehwehchen“ sofort aussetzt. Blaue Flecken, sagt er, gehören für ihn zum Fußball dazu. Über seine Leistung und seine Einstellung zum Sport konnte der einzige Legionär im Team schnell die Mannschaft und die Trainer von sich überzeugen. Inzwischen klappt es auch mit der Sprache. Seit elf Wochen lernt er Italienisch. „Jeden Tag übe ich“, sagt er. Bald will er neben dem Sport auch noch einen Kurs in der Schule besuchen. Für das alltägliche Leben und die Kommandos der Trainer und Mitspieler reicht es aber jetzt schon. Auch Facebook-Posts verfasst der Stürmer inzwischen auf Italienisch.

Die Tinte ist trocken: Kai Druschky unterschreibt bei Trastevere Calcio (Foto: All Around the Game Sports Managemant)

Die Tinte ist trocken: Kai Druschky unterschreibt bei Trastevere Calcio (Foto: All around the Game Sportsmanagement)

Eine Umstellung, die letztendlich doch keine war, hätte auch der Kunstrasenplatz sein können, auf dem Trastevere und viele Ligakonkurrenten spielen. „Wir haben hier einen Platz der neuesten Genaration“, sagt Druschky. „Ich hatte auch erst Bedenken, ich kenne ja die Plätze, die es so in Berlin gibt. Aber unser Platz hier ist richtig gut, man kann problemlos mit Rasenschuhen spielen.“

Den Saisonstart hätte sich Druschky kaum besser vorstellen können. Gleich im ersten Spiel stand er in der Startelf. „Das war zwar der Wunsch, mit dem ich hierher gekommen bin, selbstverständlich ist das aber nicht“, sagt er. Und Druschky ließ sich nicht viel Zeit, dem Trainer das Vertrauen, das er bekam, auch zurückzuzahlen. Nach nicht mal zwei Pflichtspielminuten im Dress von Trastevere Calcio netzte der Berliner erstmals ein. Bei der bisher einzigen Niederlage am dritten Spieltag musste er wegen einer Zerrung im Gesäßmuskel aussetzen. Stand Druschky auf dem Platz, hat sein Team auch gewonnen. In drei Spielen erzielte er drei Tore. Zuletzt traf er doppelt beim 4:1-Sieg gegen Anzio Calcio und steht mit seinem Verein auf dem dritten Platz.

Bei seinem Debüt für Trastevere traf Kai Druschky nach nur zwei Minuten erstmals das Tor (Foto: All around the Game Sportsmanagement)

Bei seinem Debüt für Trastevere traf Kai Druschky nach nur zwei Minuten erstmals das Tor (Foto: All around the Game Sportsmanagement)

Seine Spielweise, die sich von vielen anderen Mittelstürmern in der Serie D unterscheidet, macht ihn besonders wertvoll für Trainer Aldo Gardini. „Ich habe andere Laufwege, auch weil ich den deutschen Fußball noch drin habe“, sagt er. In der Serie D spielen die meisten Teams in einem 4-3-3 mit einem Wandspieler als Mittelstürmer. Doch darauf beschränkt sich Druschky, der ebenfalls die zentrale Rolle in vorderster Front einnimmt, nicht: „Ich laufe viel an, gehe tief, komme kurz, kann auch zum Kopfball gehen, bin einfach flexibler. Bis jetzt kommt das ganz gut an.“

Druschky will auch weiter gut ankommen. Sein Ziel ist es, sich in Italien durchzusetzen, es dort in die Profi-Ligen zu schaffen. „In zwei Jahren würde ich gerne in der Serie B spielen“, sagt der Stürmer, der seinen Abschluss mit dem linken Fuß als größte Stärke bezeichnet. „Aber ich weiß, dass ich dafür jeden Tag hart arbeiten muss und am Ende auch ein bisschen Glück dazu gehören wird.“

Den Schritt in die drittklassige Lega Pro, die unterste Profi-Liga Italiens, könnte er auch bereits in diesem Jahr mit seinem aktuellen Verein schaffen. Im vergangenen Jahr landete Trastevere auf Platz zwei der Viertliga-Staffel, scheiterte erst in den Aufstiegs-Playoffs. „In diesem Jahr wollen wir wieder oben mitspielen“, sagt Druschky. Das Wort Aufstieg will er so früh in er Saison aber nicht in den Mund nehmen: „Das haben wir uns auch nicht direkt als Ziel gesetzt“, sagt er. Eine Rückkehr nach Deutschland sei indes aber nicht mit seinen Profiplänen vereinbar. „Dafür bin ich mit 24 Jahren eigentlich schon zu alt, da ist die Tür wohl zu“, sagt er. „In Italien ticken die Uhren aber langsamer. Hier spielen in der ersten und zweiten Liga noch 36-Jährige im Sturm. Hier habe ich die Chance mich zu entwickeln und den Durchbruch zu schaffen.“

Sollte die Saison so weitergehen, wie sie begonnen hat, wäre ein Anfang gemacht. Und so hätte die lange Leidenszeit in Essen doch noch sein Gutes gehabt. Denn hier wurde die Idee fixiert, den Weg nach Rom zu gehen.